Karl Jaspers hat einmal in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als das „mächtigste Motiv der Deutschen“ das nach „Sicherheit“ genannt. Inzwischen wurde alles, was mit „Sicherheit“ zusammenhängt von den Staatsorganen und Militärs (re-)okkupiert und zwar weltweit. Das Ergebnis bleibt noch abzuwarten; die Schritte dahin sind allerdings in hohem Masse besorgniserregend.
Was kann uns in diesem Zusammenhang die Kunst, was ein Künstler lehren? Klaus Ziegert, geboren 1931 in Buenos Aires, aufgewachsen in Bremen, in unmittelbarer Nähe und auch Kontakt zum Künstlerdorf Worpswede, ausgebildet zum Bank- und Industriekaufmann in London und anschliessend tätig in Australien, Neuseeland und Deutschland, hat etwas zu sagen, und dies in Wort und Bild. Sein grosses Thema ist das den Verhältnissen (dem Staatssystem, der Natur, der Mitwelt) permanentes Ausgesetztsein und die daraus resultierende stets anwesende und wirksame Verletzbarkeit. Dies deutet er als die „Zeichen des 21. Jahrhunderts“. Und keine wie auch immer geartete Sicherheitsmassnahme, so Klaus Ziegert, wird die Verletzbarkeit und Ausgesetztheit je aufheben.
Schon in seiner Kindheit hat Klaus Ziegert mit der Malerei begonnen, und Kindheit in ihrem Werden wird ein ganz grosses Thema seines eigenen Lebens werden. Mehr als dreissig Jahre hat Klaus Ziegert sich als Lehrer, u.a. an der Freien Waldorfschule in Kassel, der Aufgabe gewidmet, das Wesen Kindheit zusammen mit den Kindern zu erschliessen. Das entscheidende Mittel seiner Arbeit fand er in der Kunst. Das Wort, die Zahl, die geographischen und historischen Koordinaten von Raum und Zeit erweisen sich in der ihm eigenen Methodik als nach allen Richtungen oszillierende Lebensfäden, die das Sein und Werden in all seinen Erscheinungsformen substantiell und immer ganz nahe an den Dingen und Wesen zu gestalten suchten. All dies hat sein eigenes malerisches Tun geprägt, das ein eindrucksvolles Zeugnis davon ablegt des – wie Rilke es einmal benannte – „immer bis ans Ende Gegangenseins“. In grossformatigen Bildern ‚dokumentierte’ Klaus Ziegert in den neunziger Jahren die „Seinsverfasstheit des Menschen“ und es entstand ein, sämtliche Sicherheiten mit aller Radikalität ausschaltender Bild-Zyklus von Darstellungen des menschlichen Kopfes, der erstmals in einer eindrucksvollen Ausstellung im Vonderau Museum in Fulda 1996 gezeigt wurde. Was sich damals gleichsam als ein Aufschrei im Bild und Betrachter festsetzte, wurde in den jüngeren Arbeiten nicht verleugnet, jedoch energetisch neu aufgeladen. Jetzt ist es die Bewegung, die neue Innen- und Umräume erschliesst, erlebbar an dem sich ständig verfeinernden Gestus der Zeichen, die als Teil eines „plastischen Bewegungsbildes“ gedeutet und „gehört“ werden können.
Klaus Ziegert wird an der Eröffnung anwesend sein und am 21. September sowie am 18. Oktober in Form einer Werbetrachtung wie auch des Gesprächs das Thema „Verletzbarkeit und Sensibilisierung“ unter Einbezug auch des pädagogischem Aspektes in die Nähe des Betrachters rücken.
Walter Kugler
