H. Raske
Planeten im Tierkreis - Zwölf Stimmungen.
Von Jens R. Prochnow. Info3 Mai 2003
Im August und September 1915 fand in Dornach der zweite eurythmische Kursus [i] Steiners für Lory Smits und ihre Schüler – damals ganze vier – statt. Am 25. August 1915 brachte Steiner ein 84 Zeilen umfassendes Verswerk mit in den Unterricht: „Zwölf Stimmungen“.
Zwölf Strophen umfassen jeweils die Tierkeisstimmungen, beginnend im Widder; jede Strophe hat sieben Zeilen, wobei jede Zeile einer Strophe für einen spezifischen Planeten steht. Somit tritt jede der 84 Zeilen für einen Moment des Durchtritts der Planeten durch die Tierkreisbilder: „Sie sehen, das ist das Gegenteil jeder subjektiven Willkür. Es ist wirklich das Einssein mit den Gesetzen des Universums ernst genommen. Es ist nicht bloss deklamiert: Man soll eins sein mit dem All! Sondern es ist dieses Einssein.“ [ii]
Berlin, in den wilden 20-ern: Ein sehr junges Mädchen betritt zum ersten Mal „einen Raum in abgeblasstem Lila“, „in dem eine Dame mit silbernem Stirnband seltsame Bewegungen ausführte“ [iii] . Dies war Hilde Raskes erste Eurythmiestunde. In der Folge wird Raske Eurythmielehrerin, widmet sich jedoch ab 1933 verstärkt der Malerei, gibt 1966 das Werk Der Bau zur Architektur des ersten Goetheanum heraus (aus dem Nachlass von Carl Kemper) und verfasst die 1983 erschienene Studie Das Farbenwort zur Kuppelmalerei und Fenstergestaltung im ersten Goetheanum. 1986 verstirbt Hilde Raske im Alter von 82 Jahren.
Eine Ausstellung mit Raskes Studien zu den Zwölf Stimmungen Steiners ist nun bis zum 25. Mai 2003 in Haus Duldeck vis-à-vis dem Goetheanum zu sehen, [iv] ein sehr schöner Farbband ist bereits im letzten Jahr erschienen.
Eröffnet wird die Ausstellung durch die beiden Aquarelle Vorahnung und Ausklang, Ersteres ein in sich zusammenziehender Farbkörper, Letzteres ein sich nach innen verstrahlender, nach aussen konzentrische Wellen schlagender Raum.
Hilde Raske fertigte eine Vielzahl von grossformatigen „Gesamtstimmungen“ an, in denen ein Tierkreis mit all seinen Planetenqualitäten komplett visualisiert wrd. Zu sehen sind in der Ausstellung davon vier: Löwe (Blau), Wassermann (Rot-lila), Jungfrau (Indigo) und Fische (Purpurrot). Diese Stimmungen sind nahezu vollständig abstrakt und gestalten den Farbklang der einzelnen Planeten durch diese Tierkreise wie in den Zwölf Stimmungen – nur eben nicht als Gedicht, sondern als Gemälde.
Raske bearbeitete aber auch ganze Serien à zwölf Aquarelle, in denen der Durchtritt eines Planeten durch den Tierkreis in jeweils zwölf Schritten dargestellt ist. Hiervon bietet die Austellung zwei: Die etwas grössere, hochformatige Rote Reihe – Mars geht durch den Tierkreis, und die relativ kleinformatige, quere Grüne Reihe (Venus).
In der Roten Reihe ist gerade die sanfte Verwandlung der Formen durch den Durchtritt in neue Farbzustände faszinierend und schön gestaltet, die Leitform lässt sich durch alle zwölf Aquarelle hindurch verfolgen. Das gelingt bei der Grünen Reihe nicht mehr ganz so leicht, das Aufeinanderprallen verschiedenster Farbwelten entwickelt eine jeweils eigene Dynamik.
In der durch den Pforte Verlag Dornach herausgegebenen Farbdokumentation finden sich eine Vielzahl von hochqualitativen Abbildungen – wesentlich mehr, als in der Ausstellung zu sehen sind – und eine Menge an Artikeln und Anregungen. Man kann diese Mappe benutzen, um sich vertieft mit den Zwölf Stimmungen Steiners, eine seiner komplexesten Versdichtungen, auseinander zu setzen, gerade für die Arbeit in der Eurythmie. Noch wertvoller und anregender wäre jedoch eine Beschäftigung mit dem malerischen Werk von Raske, die ihre Aquarelle als das nimmt, was sie sind: Nicht Illustrationen zu Versen Steiners, sondern eigenständige künstlerische Schöpfungen, die auch ohne jeden Bezug zur Anthroposophie für sich stehen können.
[i] „Apollinischer Kurs“, heute enthalten in GA 227a (3. Aufl. 1998): „Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie“.
[ii] R. Steiner: Ansprache zur Erstaufführung der „Zwölf Stimmungen“, 29. August 1915. In GA 40 (8. Aufl. 1998): „Wahrspruchworte“, worin die „Zwölf Stimmungen“ auch zu finden sind.[iii] Erinnerung übermittelt von H. Krause-Zimmer, enth. in: Hilde Raske: Farbenstudien. Siehe unten.
[iv] Di.-Fr. 8-12 und 14-17 Uhr, Sa 10-12 und 14-16 Uhr, freier Eintritt.

