Gesamtkonzept
Der Auftakt zu Rudolf Steiners umfangreicher wissenschaftlich-literarisch-publizistischer Tätigkeit ist eng mit dem Namen einer in jener Zeit herausragenden Verlegerpersönlichkeit verbunden. Es war Prof. Joseph Kürschner, der auf Empfehlung des weithin geschätzten Goetheforschers Karl Julius Schröer den damals einundzwanzigjährigen Rudolf Steiner aufgefordert hatte, innerhalb der von ihm groß angelegten Reihe „Deutsche National-Literatur“ die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes herauszugeben. Ganz offensichtlich schätzte Kürschner den jungen Wissenschaftler Steiner, denn schon bald betraute er ihn mit weiteren Aufgaben. Zumeist handelte es sich um das Erstellen ausführlicher Beiträge für diverse Lexika, so z.B. zum Thema Bergbau, Mineralogie und Geologische Perioden. Auch Übersetzungen ins Englische und Französische waren dabei. Der berühmte Kürschner war es schließlich auch, der die Verbindung zu dem Verleger Spemann herstellte, in dessen Verlag im Jahre 1886 Steiners Erstlingswerk „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“ erschien.
In der Folgezeit - Steiner war inzwischen von Wien nach Weimar übergesiedelt und hatte im dortigen Goethe-Archiv seine Arbeit an der Mitherausgabe der Sophienausgabe aufgenommen - traten immer häufiger die verschiedensten Verleger an ihn heran. Emil Felber (Weimar und Berlin) verlegte sein philosophisches Hauptwerk „Die Philosophie der Freiheit“ (1894), ein Jahr später die viel beachtete Schrift „Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zelt“ und im Jahre 1897 „Goethes Weltanschauung“. Bei Cotta erschien eine von Steiner besorgte und eingeleitete Schopenhauer-Ausgäbe, ferner eine Auswahl von Werken Jean Pauls, Uhlands und Wielands. Seine Abhandlung über Ernst Haeckel, sowie weitere kleine Schriften verlegte Max Bruns in Minden. Wichtige anthroposophische Grundlagenwerke wie „Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung“ (1901), „Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums“ (1902) und „Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung“ (1904) wurden vom Berliner Verlag Schwetschke und Sohn, das wichtige Werk über Kosmologie, „Die Geheimwissenschaft im Umriß“ (1910), von Max Altmann in Leipzig herausgebracht.
Im übrigen sind mit der Aufzählung der geschriebenen Werke seine Aktivitäten in jener Zeit noch längst nicht alle erfaßt: Der Anlaß, den Wohnort von Weimar nach Berlin zu verlegen (1897), war die Übernahme der Herausgabe und Redaktion des renommierten „Magazin für Literatur“ und der diesem später angegliederten „Dramaturgischen Blätter“. Allein in den Jahren 1897 bis 1905 verfaßte Steiner über 100 Aufsätze zu wissenschaftlichen, literarischen, sozialen und damals aktuellen Fragen, die außer in den schon genannten Zeitschriften u.a. in Jacobowskis „Die Gesellschaft“, Hardens „Zukunft“ und in der von ihm selbst herausgegebenen „Lucifer-Gnosis“ publiziert wurden. Daneben war er als Lehrer an der von Wilhelm Liebknecht gegründeten Arbeiterbildungsschule (1899-1904) und an der „Freien Hochschule“, einer Initiative der „Friedrichshagener“, tätig. Gefragt war Rudolf Steiner auch als Vortragender, insbesondere in den verschiedensten literarischen Kreisen wie z.B. der „Freien Literarischen Gesellschaft“, der „Dramatischen Gesellschaft“ und bei den „Kommenden“.
Mit Steiners Eintritt in die Theosophische Gesellschaft im Jahre 1902 erfuhr insbesondere seine Vortragstätigkeit eine immense Ausdehnung. Allein in Berlin hat er über 1000 Vorträge gehalten. Insgesamt waren es annähernd 6000. Durch die vor allem hiermit verbundene Reisetätigkeit war es ihm immer seltener möglich, die ihm von seinen Verlegern gesetzten Fristen einzuhalten. Um ihn von der Bürde des ständigen Arbeitens unter Termindruck zu befreien, gründete seine Mitarbeiterin und Lebensgefährtin Marie (Steiner-)von Sivers im Jahre 1908 den „Philosophisch-Theosophischen Verlag“ (später: „Philosophisch-Anthroposophischer Verlag“). Von nun an wurden dort seine geschriebenen Werke, vor allem aber die Mitschriften seiner Vorträge publiziert. Zu Lebzeiten Rudolf Steiners, also bis zum Jahre 1925, waren es, neben einer relativ kleinen Anzahl neuer Schriften, etwa 50 Vortragszyklen sowie zahlreiche Einzelvorträge. Bis zum Todesjahr von Marie Steiner - ihr war gemäß der von Rudolf Steiner getroffenen testamentarischen Verfügung das alleinige Recht an der Verwaltung seines gesamten Nachlasses und damit auch das der Herausgabe seiner Werke übertragen worden -, waren annähernd 500 Titel in dem von ihr geleiteten Verlag erschienen. Zur Weiterführung der herausgeberischen Arbeit nach ihrem Ableben gründete Marie Steiner, die vierzig Jahre lang die Leitung des Verlages und die Verantwortung für die Herausgabe der Schriften und Vorträge Rudolf Steiners innehatte, im Jahre 1943 die „Rudolf Steiner Nachlaßverwaltung". Verein zur Verwaltung des literarischen und künstlerischen Nachlasses.
