Zur Geschichte der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung

1943 

Begründung der „Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Verein zur Verwaltung des literarischen und künstlerischen Nachlasses von Dr. Rudolf Steiner“, durch Marie Steiner.

Marie Steiner (1867-1948) hatte schon zu Lebzeiten Rudolf Steiners dem von allen Seiten beanspruchten Gründer der anthroposophischen Geisteswissenschaft bei der Herausgabe und dem Verlag seiner schriftstellerischen Werke und Vortragskurse entlastet. Sie hatte dafür im Jahre 1908 eigens den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, Berlin, ins Leben gerufen. Rudolf Steiner bestimmte testamentarisch, dass die Lebensgefährtin, mit welcher er über Jahrzehnte die anthroposophische Bewegung aufgebaut hatte, das freie Verfügungsrecht über seinen Nachlass haben sollte. Nach dem Tode Rudolf Steiners im Jahre 1925 war Marie Steiner, neben ihrer künstlerischen Arbeit als Leiterin der Goetheanum-Bühne, ununterbrochen weiter als Herausgeberin und Verlegerin seiner Werke tätig, und zugleich Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Die Gründung der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung wird zu ihrem Vermächtnis, um das Lebenswerk Rudolf Steiners für die anthroposophische Bewegung und für die Öffentlichkeit als Gesamtwerk zu erschliessen. 

 

 

1945 

Die Bekanntgabe der Begründung der Nachlassverwaltung führt zu heftigen Konflikten in der Anthroposophischen Gesellschaft. Weite Kreise der Gesellschaft um die Vorstandsmitglieder Albert Steffen und Günther Wachsmuth wollen die von Marie Steiner gegründete Rudolf Steiner Nachlassverwaltung nicht anerkennen und beanspruchen Rechte an Steiners Werk als angebliches Eigentum der Anthroposophischen Gesellschaft. Die Folge sind jahrzehntelange Zerrüttungen und Spaltungen der Anthroposophischen Gesellschaft, bis das Verhältnis zwischen der Gesellschaft und der Nachlassverwaltung wieder schrittweise einer Zusammenarbeit von unabhängigen Partnern weicht. 

 

 

1948 

Am 28. Dezember stirbt Marie Steiner in Beatenberg, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbracht hatte. 

 

 

1949 

Die Rudolf Steiner Nachlassverwaltung hat ihr Domizil im Gebäude der Rudolf Steiner Halde in Dornach, das Marie Steiner bewohnt und um Anbauten erweitert hatte. Der Verein setzt die Herausgabetätigkeit Marie Steiners, die Erhaltung des Nachlasses und die Verwaltung der Urheberrechte am Werk Rudolf Steiners fort. Der Aufbau eines Archivs beginnt. Die Werke Rudolf Steiners erscheinen zunächst im Selbstverlag der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung.

Verhandlungen mit der Anthroposophischen Gesellschaft über die umstrittenen Rechte am Werk Rudolf Steiners scheitern. Die anthroposophische Gesellschaft spaltet sich in der Schweiz in eine mehrheitliche Gruppe um den Vorstand am Goetheanum und eine kleine Gruppe von freien Initiativen um die Nachlassverwaltung, welche die Anthroposophische Vereinigung Schweiz bilden. Die Auseinandersetzungen um die Wahrung der Urheberrechte gemäss den Richtlinien Marie Steiners führen zum Gerichtsprozess. 

 

 

1952 

Das Obergericht Solothurn entscheidet unzweideutig, dass die Rechte am Werk und Nachlass Rudolf Steiners in Rechtsnachfolge Marie Steiners bei der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung liegen und weist die Ansprüche der Anthroposophischen Gesellschaft als unrechtmässig ab.

Der Arbeitsschwerpunkt im Archiv liegt neben der Inventarisierung des immensen Nachlasses und der Betreuung von Neuauflagen bereits erschienener Werke insbesondere in der Herausgabe des nachgelassenen Werkes, um dem Bedürfnis der weltweit entstandenen anthroposophischen Initiativen nach dem Studium der Schriften und Vortragskurse Rudolf Steiners zu entsprechen.

Die Besonderheit des Archivs liegt in seiner umfangreichen Herausgabetätigkeit aufgrund der in verschiedenster Qualität vorhandenen Stenogramme und Vortragsnachschriften von den insgesamt ca. 6000 frei gesprochenen Vorträgen Steiners. Der entstehende Rudolf Steiner Verlag widmet sich der Edition der Gesamtausgabe, verlegt zahlreiche Sonder- und Einzelausgaben sowie Reproduktionen von Kunstwerken Steiners. Jährlich wird er bald mit einer Ausstellung der wachsenden Gesamtausgabe an der Frankfurter Buchmesse teilnehmen.

Neben der Herausgabearbeit werden vom Archiv alljährlich thematische Sommer-Ausstellungen mit Originalkunstwerken, Entwürfen und Handschriften Steiners in der Rudolf Steiner Halde in Dornach veranstaltet. 

 

 

1955 

Die Nachlassverwaltung beginnt mit der Konzeption und Realisierung einer Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners als Lese- und Studienausgabe. Aus der Erschliessung des Nachlasses Steiners entwickelt sich die vielleicht umfangreichste Buchausgabe eines Autors, der am Ende des 20. Jahrhunderts zu den am meisten übersetzten Schriftstellern deutscher Sprache gehören wird. 

 

 

1961 

Die bibliographische Übersicht „Rudolf Steiner: Das literarische und künstlerische Werk“, besorgt von Hella Wiesberger und den Archiv-Mitarbeitern, wird publiziert. Nach langen Vorarbeiten ist damit ein in den Grundlinien bis heute gültiger Editionsplan sämtlicher Werke für die Rudolf Steiner Gesamtausgabe in über 350 Bänden vorhanden, der sich gliedert in die drei Hauptabteilungen A. Schriften, B. Vorträge und C. Das künstlerische Werk.

Periodisch erscheinen seit 1961 die „Nachrichten der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, mit Veröffentlichungen aus dem Archiv“, die ergänzende Materialien, Hinweise, Studien und Faksimiles zu Werkthemen und zum Leben Steiners enthalten. Die Hefte enthalten zahlreiche Erstveröffentlichungen aus dem nachgelassenen Werk. Ab Heft 29, 1970, trägt die Publikationsreihe den Titel „Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe“. Die Reihe wird bis heute fortgesetzt und umfasst inzwischen mehr als 120 Nummern.

Im Gedenkjahr des 100. Geburtstages von Rudolf Steiner werden 1961 mehrere Ausstellungen unter Beteiligung der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung veranstaltet, u. a. eine bedeutende Ausstellung über das künstlerische und schriftstellerische Lebenswerk in der Städtischen Kunstkammer zum Strau’Hoff in Zürich. 

 

 

1972 

Mit den „Taschenbüchern aus dem Gesamtwerk“ beginnt der Rudolf Steiner Verlag mit einer Reihe von Taschenbuch-Ausgaben der Werke Steiners, die bald stark anwächst und mit der Zeit einen bedeutenden Teil der Gesamtausgabe auch in Form von preiswerten Taschenbüchern zugänglich macht. 

 

 

1977 

Tod des anthroposophischen Arztes Dr. Hans Werner Zbinden (1899 - 1977), der seit den 50er Jahren den Vorstand der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung geleitet hatte. Gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Dr. Paul Jenny (1898 - 1971), ebenfalls langjähriges Vorstandsmitglied der Nachlassverwaltung, war H. W. Zbinden wesentlich für die Wahrung der Unabhängigkeit der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung in den Auseinandersetzungen mit der Anthroposophischen Gesellschaft eingetreten. 

 

 

1980 

Durch den Erhalt eines Vermächtnis kann der Hirter-Heller-Fonds begründet werden, der es der Nachlassverwaltung in den nächsten Jahren ermöglicht, viele der vom Zerfall bedrohten malerischen Werke Steiners in möglichst hoher Qualität zu reproduzieren. 

 

 

1988 

300 Bände der auf ca. 350 Bände angelegten Gesamtausgabe (ohne Kunstreproduktionen) sind erschienen. Für noch ausstehende Bände müssen aufwendige Recherchier- und Dokumentationsarbeiten begonnen werden. Zudem werden die Mitarbeiter/innen des Archivs neben der Herausgabe und der Betreuung von Neuauflagen zunehmend auch von Anfragen, privaten und öffentlichen Auskünften, Betreuung von Forschungsarbeiten etc. in Anspruch genommen. 

 

 

1992 

Beginn einer bis heute andauernden Reihe von Ausstellungen der Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners in verschiedenen Museen auf der ganzen Welt – u. a. in Köln, Frankfurt, München, Tokyo, New York, Zürich, Buenos Aires –, die weites Interesse erwecken und Rudolf Steiner vielerorts in neuem Licht als modernen Künstler zeigen. Im Rahmen der Veröffentlichung der Gesamtausgabe wurde 1989 mit der Edition von Reproduktionen sämtlicher Wandtafelzeichnungen Steiners in einer auf 28 Bände angelegten Reihe begonnen. 

 

 

1994 

Der 1952 von Conrad Schachenmann und Justina Schachenmann-Teichert gegründete Verlag Die Pforte, der heutige Pforte Verlag, wird an den Rudolf Steiner Verlag der Nachlassverwaltung übertragen und seitdem als Edition für anthroposophische und geisteswissenschaftliche Literatur geführt. 

 

 

1995 

Zur finanziellen Förderung der weiteren Arbeit des Rudolf Steiner Archivs, das weder Subventionen durch die öffentliche Hand noch regelmässige Beiträge von der Anthroposophischen Gesellschaft erhält, wird die „Internationale Fördergemeinschaft Rudolf Steiner Archiv“ gegründet.

Für die vor 1925 veröffentlichten Ausgaben läuft die 70-jährige Schutzfrist für die Urheberrechte an den Werken Steiners ab. Später herausgegebene Titel und alle Ausgaben der Gesamtausgabe bleiben aufgrund des hohen Bearbeitungsgrades jeweils 70 Jahre nach dem Tod der Herausgeber geschützt.

In den 90er Jahren können ganze Werkkomplexe wie z. B. die Meditationssprüche, die esoterischen Vorträge oder das gesamte pädagogische Vortragswerk in vielbändigen Werkreihen als Teile der Gesamtausgabe abgeschlossen werden. Neben der laufenden qualitativen Verbesserung der Neuauflagen wird die Gesamtausgabe mit Ausgaben zur Vervollständigung verschiedener Werkkomplexe fortgesetzt, u. a. Vorträge aus der frühen theosophischen Zeit, Vorträge zur Dreigliederung, die Herausgabe der Briefe, die Edition der Wandtafelzeichnungen, die weitere Erschliessung des künstlerischen Werks sowie der über 600 Notizbücher Steiners etc. 

 

 

2000 

Beginn einer systematischen elektronischen Erfassung sämtlicher Werke Steiners und weiterer Archiv-Materialien als Grundlage für einen digitalen Datenbestand des Archivs. 

 

 

2002 

Neueröffnung des Rudolf Steiner Archivs im renovierten Haus Duldeck, das 1914/15 als Wohnhaus nach Entwürfen Steiners erbaut 

 

 

Literaturhinweise:

Marie Steiner, Briefe und Dokumente, Privatdruck der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, hrg. von Hella Wiesberger, Dornach / Schweiz 1981.

Nachrichten der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Heft Nr. 1 bis 5, 1949 – 1953.

Rudolf Steiner: Das literarische und künstlerische Werk. Eine bibliographische Übersicht 1961, hrg. von Hella Wiesberger und den Mitarbeitern in Archiv und Verlag, Dornach / Schweiz 1961. Zweite, neu bearbeitete und erweiterte Auflage 1984.

Rudolf Steiner Gesamtausgabe: Eine Dokumentation, hrg. von der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Redaktion Walter Kugler, Dornach / Schweiz 1988.