Pressestimmen

Da sie alle genau gleich gross sind, richtet sich die ganze Sehenergie an den formalen Widerständen vorbei sofort auf diese schwarzen Flächen. Auf oder über vielen dieser Fläche schweben in wundervoller Leichtigkeit sanfte Pastellfarben, viele Flächen sind mit weisser Kreideschrift bedeckt, alle erinnern daran, dass sie einst zu dienen hatten, dass sie stillstehende Augenblicke der Entfaltung geistiger Energie, des Fliessens und Strömens sind.

Diese Ausstellung ist auf Wanderschaft, sie war vorher in Köln, Frankfurt und München, und hat dort viele Menschen bewegt, sie hat eine Botschaft mitgetragen, die auch in Bern deutlich zu hören ist – man muss nicht Anthroposoph sein, um sie lesen zu können. Es ist die Botschaft von der einen Energiequelle, der sich die ganze Welt beugt – und nur ein Kind des materialistischen Zeitalters kann das materiell verstehen.

Hier ist spürbar die geistige Kraft der Zusammenschau, die es tatsächlich möglich macht, in nationalökonomischen Kursen über Werte und Preise die gleichen Energien am Werk zu sehen wie in den Betrachtungen zum Wirken des Geistes in der Natur. Diese Wandtafelzeichnungen, von denen eine ganz feste Brücke zu Beuys hinübergeht – in der Tat ist die visuelle Erfahrung hier wie dort die gleiche - diese zauberhaft sanften Energiefelder wurden weder als kalligraphische Momentaufnahmen noch als graphische Kunstwerke betrachtet, aber sie legen Zeugnis ab von der Ganzheit eines Wesens, das sich überall ausprägt, wo es sich äussert, das sich nie verleugnen kann.

- Reinhard Stumm, Basler Zeitung 10. Juni 1993

Steiner auf der Tafel

Steiner wie Beuys berufen sich mit ihrer Methode eines anschauenden Denkens auf Goethes Lehre von der Metarmorphose als dem Prinzip aller bildnerischen Prozesse. Deren durchgängige Denkgestalt ist die Dreigliederung, die sich unterschiedlichste Inhalte anverwandeln kann. So analogisiert Steiner auf der Tafel "Westen,Mitte,Osten" (Unsere Bildung) die anthroposophischen Zustandbeschreibungen "Stoffwechsel,Rhythmus, Nerven-Sinnessystem" den Kategorien "Wissenschafts-", Staats"- und Geistesleben", die seine Vorstellung vom sozialem Organismus umreissen.

Nach anthroposophischer Lehre ist die Dreigliederung in sich dynamisch; jede Stufe bringt die nächste "organisch" aus sich hervor. Damit taugt sie zum Analogon für einen geographisch- kulturgeschichtlichen Prozess, wie ihn Steiner in der Entwicklung vom "orientalischen Stoffwechselmenschen" über den "mitteleuropäischen Rhythmusmenschen" zum "westeuropäischen Nerven-Sinnesmenschen" sah.

Für Joseph Beuys wird die Metamorphosenlehre in ihrer durch Steiner auch auf geistig-seelische und soziale Prozesse übertragenden Form zu einer der Grundlagen seines erweiterten Kunstbegriffs. nis, Frankfurter Allgemeine 22. Juli 92

Dialog mit dem heutigen Kunstschaffen

Vierzig dieser 100 x 150 cm messenden Blätter sind unter Glas, meist zu zweit übereinander, in Frankfurt zu sehen. Ein schwebend poetischer Kunstgenuss, der nicht selten an Cy Twombly denken lässt. Was der Portikus anpeilt ist der Dialog mit dem heutigen Kunstschaffen. Das Auftauchen dieser siebzig Jahre alten, doch ganz frischen und in sich stimmigen Denkbilder gehört vermutlich zu den Anstössen, deren unser orientierungslos gewordenes Fin de siècle bedarf. Günter Metken, Süddeutsche Zeitung.

 

 

Man muss kein Anthroposoph sein

Sind diese Tafeln also heute – nach Beuys - plötzlich Kunst, so wie das Goetheanum im schweizerischen Dornach füglich zur Baukunst gezählt werden kann? In isolierter Betrachtungsweise wäre ein solcher Anspruch wohl schnell zurückzuweisen.

Steiners Ansatz jedenfalls, der künstlerische Arbeit als eine "der menschlichen Seele entspringende Fortsetzung des Weltprozesses" begriff, tritt auf den Tafeln plastisch hervor, wird einigermassen transparent, plausibel und vor allem sympathisch.

Es darf wieder ums Ganze gehen, also auch um Verantwortung, Engagement und ein Mindestmass an geistiger Investitionsbereitschaft. Man muss kein Anthroposoph sein, um diese zeitweilig für altmodisch erklärte Messlatte der Kunst wieder in Gebrauch nehmen zu wollen. Christian Marquart FAZ Nov.94.