Stellungnahme der Herausgeber zu Taja Gut
»Wie hast du’s mit der Anthroposophie?«, Pforte Verlag, 2010
«Editionen gehören, welchen Anspruch sie auch immer haben, zu wissenschaftlichen Grossunternehmungen, sind zeit- arbeits-, personal- und kostenintensiv» - so der Editionswissenschaftler Bodo Plachta in seinem Massstäbe setzenden Werk «Editionswissenschaft». Jede der grossen Editionen, so kann man dort auch erfahren, hat ihre eigene Biographie, ist abhängig von den Vorgaben und Ansprüchen der jeweiligen Zeit und vor allem: keine Ausgabe ist wirklich vollständig, keine Ausgabe ist frei von Fehlern.
Ein Beispiel: Charles Darwin starb 1882. Fünf Jahre später erschien seine Autobiographie Mein Leben – jedoch mit zahlreichen Auslassungen. Die so genannte erste vollständige Ausgabe, ediert von Darwins Enkelin, erschien erst mehr als 70 Jahre später im Jahre 1958. In ihrem Vorwort berichtet die Herausgeberin, dass sie «etwa sechstausend Worte» wieder eingefügt hat. An keiner Stelle aber finden sich Vorwürfe und Anschuldigungen gegenüber früheren Herausgebern, denn jeder geschulte Herausgeber ist sich durchaus dessen bewusst, dass es eine vollkommene und fehlerfreie Werkausgabe nicht gibt.
Eine kritische Beleuchtung der Editionspraxis – auch im Fall der Rudolf Steiner Gesamtausgabe – ist ohne Zweifel wichtig und notwendig. Nur sollte dies auf gleicher Augenhöhe geschehen, das heisst mit der nötigen wissenschaftlichen Umsicht und Verantwortlichkeit. Davon ist aber in den Ausführungen von Herrn Gut nichts zu spüren. Da ist die Rede von «Vertuschung», vom «Eliminieren unliebsamer Stellen», von «Unterschlagung» und «Spurenverwischung». «Geschichtsfälschung» wäre wahrscheinlich ein zu harsches Wort» (S. 49) gesteht er immerhin ein.
Konstruktiv wäre es gewesen, wenn Herr Gut erst einmal das Gespräch mit den Herausgebern selbst gesucht hätte. Stattdessen führt er eine Art Selbstgespräch und trägt seine Währweissungen und Unterstellungen an die Öffentlichkeit und wirft den Herausgebern vor, durch ihre «Ikonisierung» Rudolf Steiner «nicht nur seine Menschlichkeit aberkannt, sondern letztlich auch geschadet» zu haben. Herr Gut zieht drei Beispiele heran, um seine Behauptungen zu untermauern.
Beispiel 1: theosophisch > anthroposophisch/ geisteswissenschaftlich
Auf den Seiten 46/47 äussert sich Herr Gut dazu, dass in Vorträgen jener Jahre, in denen Rudolf Steiner der Theosophischen Gesellschaft angehörte, durch die Herausgeber verschiedentlich das Wort ›Theosophie‹ durch ›Geisteswissenschaft‹ oder ‹Anthroposophie‹ ersetzt wurde. Solche Änderungen wurden jedoch bereits bei der Drucklegung von Vorträgen zu Rudolf Steiners Lebzeiten und mit seinem Einverständnis vorgenommen! Im angeführten Beispiel (Vortrag 16. Juni 1907) haben aber die Herausgeber keine Veränderung vorgenommen, sondern die Begriffe exakt so wiedergegeben, wie sie in der Nachschrift vorkommen. Guts Vermutung ist also falsch und überhaupt widersinnig, da er selbst schon festgestellt hatte, dass in der Nachschrift ›Geisteswissenschaft‹ steht (S. 47).
Dass Rudolf Steiner in vielen Vorträgen während seiner sog. Theosophischen Zeit mal ›theosophisch‹, mal ›geisteswissenschaftlich‹ gesagt hat, sollte Taja Gut nicht unbekannt sein – auch schon lange vor dessen Durchsicht der »Theosophie« für die 5. Auflage 1918. Von verblüffender Unkenntnis zeugt Guts Schlussresümee zu dieser Problematik (S. 47/48): «Auch wenn Steiner insgeheim [sic!] die nur ihm ›eigene Weise‹ gemeint haben mag, wenn er von Theosophie sprach, konnte man die Aussage doch nur auf die real existierende Theosophie beziehen, wie sie neben ihm von Leuten wie Hartmann, Besant, Leadbeater, Hübbe-Schleiden vertreten wurde. Dies nachträglich stillschweigend zu widerrufen, wirkt zumindest zweifelhaft.» – Dies kann man eben nicht so ohne weiteres. Zudem hat Rudolf Steiner nicht «insgeheim», sondern ganz öffentlich über seine Anschauung von Theosophie / Geisteswissenschaft gesprochen.
Beispiel 2: Briefausgabe.
Als Belege für seine Kritik an den Briefausgaben dienen ein in GA 38 nicht aufgenommener Brief über Trinkgelage anlässlich der Geburtstage von W. Fehr und J. Köck (bei Gut heisst es »Säufereien«, S. 45) sowie die in der 1. Auflage des Briefwechsels Marie Steiner/Rudolf Steiner weggelassenen persönlichen Anreden. Jener Brief an Radegunde Fehr fehlt tatsächlich in GA 38. Dass es sich hier um ein Versehen gehandelt haben könnte, zieht Herr Gut gar nicht mal in Betracht. Es wäre aber im Rahmen seiner Teilzeit-Mitarbeit im Archiv Ende der 90iger Jahre bis 2002 seine Pflicht gewesen, auf der Korrekturkartei sowie im Band selbst, zu vermerken, dass jener Brief bei einer Neuauflage aufzunehmen ist. Das hat er aber nicht getan. Zudem hätte er ja durchaus die Möglichkeit gehabt, diesen Brief in den ›Beiträgen zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe‹ als Nachtrag zu publizieren. Dass inzwischen die persönlichen Anreden in die Neuauflage des Briefwechsels zwischen Marie und Rudolf Steiner aufgenommen worden sind, wird auch von Herrn Gut positiv aufgenommen, wobei er zugleich eine in den Vorbemerkungen vom Herausgeber angestellte und mit einem Fragezeichen versehene Überlegung recht zynisch behandelt.
Beispiel 3: «Eliminieren von unliebsamen Stellen»:
Auf Seite 48, 3. Absatz, wird den Herausgebern der Gesamtausgabe »das Eliminieren unliebsamer Stellen« unterstellt. Es ist zwar richtig, dass in GA 51 (S. 315) bei der Wiedergabe eines ursprünglich im ›Freidenker‹ erschienenen Referates eines Vortrages von Rudolf Steiner (erstellt von Otto Lehmann-Russbüldt) drei Sätze fehlen. Jedoch hat die Prüfung der Druckunterlagen ergeben, dass die Herausgeber von GA 51 keine «unliebsamen Stellen» gestrichen haben. Sie haben – und dies kann man ihnen vorwerfen – als Textquelle leider nicht den Originalartikel verwendet, sondern den Text so übernommen, wie er bereits 1941 in den ›Veröffentlichungen aus dem Literarischen Frühwerk‹, Band IV, Heft 19, S. 150ff. gedruckt worden war – und dort hatte man diese drei Sätze weggelassen. Die Anschuldigungen von Herrn Gut sind damit nicht zutreffend. Im Übrigen hat Herr Gut es auch hier unterlassen, die Herausgeber auf den Fehler aufmerksam zu machen.
Walter Kugler
Archivleiter
Juli 2010
